Naethylans Legende

Buch I 

Weltensprung

Planet: Erde 2238 A.D. 

Wann: Gegenwart, Johns Haus 

Wo: NeoBerlin, Deutschland

John

„Du wirst reden!“ forderte der Anführer der Rebellen. 

Das kalte Wasser klatschte unerwartet hart gegen Johns verkrampften Körper. 

Zähneklappernd schreckte John aus seinem Dämmerzustand auf. 

Ich bin so müde … 

Der tagelange Schlafentzug und die Misshandlungen forderten ihren Tribut. 

John blinzelte, konnte den Augennebel jedoch nicht vertreiben. 

Die Faust des Mannes schlug erbarmungslos in sein Gesicht. Fast wurde er ohnmächtig. 

Der Schmerz pochte dumpf durch seinen Schädel und baute sich zu einer ungeheuren Pein auf. Er schmeckte frisches Blut, was ihm in schmierigen Speichelfäden auf die Brust tropfte. 

Brutal wurde er am Nacken gepackt. Plötzlich wurde ihm aufs Neue bewusst, dass er unbekleidet mitten in einer Baracke stand, mit den Armen über dem Kopf, an der Decke gefesselt. 

Verzweifelt versuchte John sich etwas Schönes zurecht zu fantasieren, irgendetwas. Es wollte ihm nicht gelingen. Alles an ihm schien zu versagen. Allein die Wassertropfen empfand er als angenehm, die seinen, bis auf die Knochen malträtierten Körper hinunter liefen. 

John keuchte, zerrte an den Ketten. 

Sein Folterer Hawi Tekle labte sich an seinem zerschundenen Anblick. 

Genüsslich bohrte er sich mit einem Grinsen und einer Fingerkuppe in dessen zugefügte Verletzungen. 

„John …“, Hawi schnalzte mit der Zunge, „wir sind hier am Arsch des 

Planeten … hier kommt niemand dich retten!“ 

John spürte den Atem seines Unterdrückers im Genick. 

In gebrochenem Englisch schmettert Hawi in sein Ohr. 

„Wo werden die Waffen für die Miliz ankommen?“ 

Der Pfeifton in Johns Gehörgang verhallte in einem Echo. 

Wie lange bin ich schon wach …? 

Johns Überlegungen kreisten. Lippen und Nase bluteten unablässig. 

„Wie heißt das Schiff …?“ 

Sein Peiniger trampelte breitbeinig um ihn herum, ohne den stechenden Blick von ihm zu nehmen. Hawis Lippen waren gespannt wie eine Bogensehne. 

Silhouetten von umher stehenden Putschisten verschwammen unter Schweiß und Tränen. Des Befehlshabers Haut war pechschwarz wie die finsterste Nacht und die Adern seiner Unterarme wanden sich wie Würmer über seinen Muskeln. 

John wünschte sich nichts sehnlicher als abermalig bewusstlos zu werden. 

„Die Waffen!“, brüllte Hawi erneut, „Wo und wann?“ 

Der Schlag in den Magen ließ John nach hinten stürzen und aus seinem Rachen brach ein ersticktes Klagen. 

Die Kettenglieder klirrten. 

Im triebhaften Rausch, zog Hawi ein langes Messer aus seinem Gürtelhalfter. 

Aufgekratzt weidete er sich an Johns Elend und der eigenen Vorfreude. 

Schwang es vor seinem Gefangenen auf und ab und setzte es ihm an die Kehle. 

„Wir wollen hören … was über Waffen. Aber erst hören wir … dein Röcheln!“ 

Die glitzernde Klinge glitt durchs Johns Hals. 

Schnitt eine seitenlange Wunde über seinen Kehlkopf. 

Johns Blut ergoss sich heiß und floss wie ein Tuch aus dem klaffenden Schnitt. 

John schrie mit weit aufgerissenem Mund. Die schiere Panik hatte von ihm Besitz ergriffen. 

Ich kann nicht atmen … nicht atmen …! 

Der Impuls, sich augenblicklich mit den Händen an die aufgeschlitzte Kehle zu fassen war übermenschlich. Die Ketten schnitten tief in seine Handwurzeln. 

Mit zuckendem Torso rang er nach Luft. Er hatte das Gefühl zu explodieren… 

Schnaubend riss John die Augenlider auf und katapultierte sich aus den Laken seines Bettes. Er würgte, seine Lungen ächzen nach Sauerstoff. Sein entblößter Leib war schweißgebadet. 

Im Nachhall seines Traumbilds gefangen, griff er unters Kissen, befühlte den kühlen Stahl seiner Waffe. Wollte sie schon zücken um sich zur Wehr setzen zu können. 

Musste die Empfindung des Ausgeliefertseins beenden. 

Jetzt, langsam, dämmerte es John, dass er in seinem eigenem Schlafzimmer saß, in seinem Haus, in seinem Bett. 

Immer dieser Alptraum … 

Kniend strich er sich schwermütig über die Stirn und durchs kurze, schwarzbraune Haar, als er sich träge rücklings auf die Matratze sacken ließ. 

Die Hundemarke seines Bruders klimperte auf seinem Brustbein, als er sie wie einen Talisman umfasste. 

John reckte das Kinn, um an seiner Figur herab zu schauen, erblickte die großflächigen Narbengebilde auf dem Brustkorb, dem Unterleib und den Oberschenkeln. Seine Fingerspitzen ertasteten vom Adamsapfel abwärts das wulstige Gewebe, glitten über die zahlreichen tauben Stellen und verblieben auf zerschnittenen Brustwarzen. 

Erschöpft schaute er zur Zimmerdecke. Allmählich kehrten seine Sinne und die Kontrolle über sie zurück. Trotz Müdigkeit war an Schlaf nicht mehr zu denken. Darum wälzte er sich zum Beistellschränkchen und kramte eine runde Dose mit Beruhigungsmitteln hervor. 

Üblicherweise legte er sich morgens nach dem Nachtdienst schlafen, das war vor zwei Stunden gewesen. 

Er dreht das Döschen in den Fingern, schmiss es dann entschieden fort und klappte das Schubfach zu. 

„IO, spiel meine aktuelle Lieblings-Playlist ab.“ 

Die reizende KI-Stimme ertönte aus seinem Unity-Tool, auch UT genannt, seiner abgelegten Armmanschette. 

„Gerne, John!“ 

Aus den Boxen wummert anschwellende Trancemusik. 

Wohltuend flutete die Mucke durch ihn hindurch. Er schloss die Augen, verlor sich in der dichten Atmosphäre elektrischer Rhythmen und des raumeinnehmenden Basses. 

Nach einigen Minuten erhob er sich, lüftete die Vorhänge und begrüßte die Sonne. 

Er entschied sich Joggen zu gehen und im Anschluss nochmal zu pennen. Er schlüpfte in seinen Laufklamotten, packte sich seine Musik auf die Kopfhörer, rannte die Treppe nach unten und verließ seine Blockhütte. 

Die Natur roch nach Frühling, der den Sommer ankündigte. Der Wind war eine lauwarme Brise und der Wald auf der Rückseite hinterließ auf seiner Zunge eine holzige Note. 

Die Skyline NeoBerlins erfüllte wie ein leuchtender Farbtupfer den Horizont, innerhalb von grün gesäumten Feldern. 

John machte einen gemächlichen Abstecher zum Luxusgestüt seines Arbeitgebers, fußläufig entfernt, um sich Apoll, einen belgischen Schäferhund aus dem Zwinger mitzunehmen. 

Der flitzte kläffend über die Wiese. 

Mit der Hundeleine um die Schultern gelegt verschwand John im Unterholz. Er liebte es abseits der Wege. Das weiche Moos dämpfte seine schnellen Schritte, das trockene Laub obenauf raschelte. 

Als Warm-up dehnte und streckte er sich, sprintete anschließend im Eiltempo los. 

An einem Ast absolvierte er eine Reihe von Klimmzügen, schraubte sich verbissen ein ums andere Mal mit dem Kinn über den Zweig. 

Das zügellose Training befreite ihn von der Bedrückung seines Angsttraumes. 

Johns muskulöser Körperbau agierte wie eine Maschine. Die Beats dröhnten, trieben ihn voran, über umgestürzte Bäume, die wie gigantische Skelette zwischen den Stämmen ihrer Genossen vermoderten. Schnüffelnd sauste Apoll mit der Schnauze dicht über den Waldboden neben ihm her. 

Auf einem von Efeu überwucherten Platz startete John mit dutzenden von Liegestützen, danach hechtete er einen wurzelübersäten Hügel hinab, suchte sich einen schweren Steinbrocken, lud diesen mühevoll auf die Schulter und wetzte drauflos. Dann schleuderte er ihn so weit er konnte von sich fort, nur um die Übung ein ums andere Mal zu wiederholen. 

Er verordnete sich ein gnadenloses Workout, um später halbtod in seiner Schnarchkoje landen zu können. 

Apoll, der perfekt getarnt durchs Dickicht huschte, duckte sich überraschend auf einer vor ihm befindlichen Lichtung. 

Sein Bellen tönte aggressiv. 

John streifte sich die Kopfhörer ab. 

„Apoll! Hier!“ 

Er pfiff mehrmals nach ihm. Vergeblich. 

Da Apoll nicht davon abließ eine Stelle im Gras zu umkreisen und unaufhörlich anzuschlagen, lief John zu ihm. 

Als er die Töle erreichte, verharrte er abrupt in einem Ausfallschritt. 

Im Schilf lag ein Mensch regungslos auf dem Bauch. 

John brauchte eine Sekunde um sich zu fangen. 

Scheiße … als hätte der Tag nicht schon super angefangen … 

Eilig leinte John seinen Hund an einen Zweig, hastete zur Person im Gras und schnallte ihr seine Armmanschette an. 

„Sind sie ansprechbar?“ 

Behutsam rüttelte er an dem Mann, hoffte, das er ihn aufwecken könnte. 

„Verstehen sie mich?“ 

Keine Reaktion. 

„IO“, wies John sein UT an, „überprüfe Lebensfunktion und Vitalwerte!“ 

Unterdessen drehte er den Unbekannten umsichtig an Oberarm und Hüfte auf den Rücken. 

Der Anblick des Fremden ließ John stutzen. 

Er war ein Mann, der bei der erster Beurteilung eine interessante Erscheinung mit außergewöhnlich aschig-schwarzer Hautfarbe und schulterlangem, weißen Kopfhaar abgab. Besonders auffällig war der altertümliche Kleidungsstil. 

Wie ein Blitz durchfuhr es John, als er unerklärlicherweise in dessen Gesichtszügen - für den Bruchteil eines Herzschlages - seinen verstorbenen Bruder erkannte. 

Leon …! Wie ist das möglich ...? 

Wie ein Schatten verirrte sich der Schein. 

John ließ den Fremden los. Das Trugbild raste durch seinen Verstand und verursachte eine flaue Unwirklichkeit in seinen Eingeweiden. 

Kaum Zeit nachzudenken, IO meldete sich. 

„Lebensfunktion aktiv, Vitalwerte schwach. Puls, Herz - und Atmungsfrequenz niedrig. Medizinische Unterstützung dringend erforderlich.“ 

„IO, verbinde mich mit dem Notruf!“ 

Während John darauf wartete durchgestellt zu werden, bewegt er den Verletzten in die stabile Seitenlage. 

Er wurde verbunden. 

Er beantwortet alle nötigen Fragen und übermittelt die GPS Koordinaten. 

„In Ordnung. Die Kollegen vom Rettungsdienst sind umgehend bei Ihnen.“ 

Zurzeit hieß es abwarten. 

Vorsorglich begann John den Fremdling abzutasten. Nicht nur um sicherzustellen, dass der keine Knochenbrüche oder offene Wunden erlitten hatte, sondern auch in der Hoffnung ein Ausweisdokument zu finden. 

Eventuell ein Gerät, mit einer Kontaktliste, mit dem er sich bei Freunden oder Familienangehörigen melden konnte. 

Doch der Verunglückte besaß weder Brieftasche, einen Schlüsselbund, ein UT oder Ähnliches. 

John hockte sich zu ihm und betrachtete erwartungsvoll das Minenspiel des dunkelhäutigen Unbekannten. 

Vielleicht ist es seine Augenpartie … womöglich seine Profil ... die Leon ähneln? 

John fühlte in sich hinein, um die überwältigende Sinneswahrnehmung nochmalig aufkommen zu lassen, konnte sie aber nicht wiederholen. 

Habe ich mir das eingebildet? 

John schmatzte und blickte sich auf der Waldlichtung um. 

Der Fremdling hatte Glück gehabt, nicht in dem flachen Tümpel, etwa zwei Meter weiter, gefallen zu sein. Er wäre garantiert ertrunken. 

John registrierte etliche umgefallenen Bäume, welche einen Ring um ihn und den Fremden bildeten. Einige waren regelrecht in der Mitte zerborsten, andere wiederum entwurzelt. 

Bevor er sich diesbezüglich hinterfragen konnte, wurde er auf seine mittelalterliche Lederbekleidung aufmerksam. 

Der Fremde trug ein schlichtes Leinenhemd und eine seitlich geknöpfte Weste. Ein olivgrüner Gürtel mit silberverzierter Gürtelschnalle, die auf fremdländische Initialen hinwies sowie einem Beutel mit Münzen daran. 

Des Weiteren war er mit einer abgewetzten Hose bekleidet und seine Füße steckten in Schnürstiefeln. 

John schlussfolgerte wie selbstverständlich, dass es sich bei seiner Verkleidung, um eine Cosplaymontur handeln müsste. Denn sie wirkte keineswegs billig oder kitschig, sondern ziemlich authentisch. 

Als hätte sich Mister Unbekannt viel Mühe gegeben, ein überzeugendes Bild eines mittelalterlichen Junkers abzugeben. 

Aber das erklärte nicht den markanten Geruch von Feuer und Rauch. 

John schmunzelte. 

„Das war dann wohl gestern ´ne ziemliche Abrissparty, was? Dass man dich nach eurer Faschings-Sause hier einfach liegengelassen hat … 

Hast du keine netteren Freunde, die auf dich aufpassen? Ich arbeite im legendärsten Tanzschuppen Europas, dem ERO. Dort wäre dir das nicht passiert. Dafür hätten wir als Security gesorgt!“ 

Doch anstatt zu antworten, erlitt der Fremde einen Krampfanfall. Seine Gliedmaßen schlugen unwillkürlich in alle Richtungen aus, derart heftig, als hätte ein böser Dämon sich seiner bemächtigt. 

Ein epileptischer Anfall, dachte John, wie bei meinem Neffen. 

John umgriff sachte seinen Hinterkopf, sodass er nicht auf dem Boden aufprallen konnte. Währenddessen begann der Unbekannte in einer exotischen Sprache zu nuscheln. 

Leise beruhigte er ihn. 

„Alles wird gut! Hilfe ist gleich da!“ 

Mit sanfter Gewalt bekam er seine Handgelenke zu packen und fixierte sie in einem festen Griff. 

Ein Weile krümmte sich der Fremde, bis er sich schließlich entspannte. 

Von fern hörte John die vertrauten Geräusche des Rettungshubschraubers nahen. 

„Endlich …!“ 

Als er mit donnernden Rotoren über ihnen kreiste, wurde ein Metallkorb mit drei Rettungskräften und einer Trage herabgelassen. 

Nach der Erstuntersuchung des Notarztes schnallten die Sanitäter den Mann auf die Transportliege und hievten ihn in den Helikopter. 

In John erwachten Erinnerung, wie er damals selbst als Hubschrauberpilot im Cockpit saß und seine Spezialkommando-Truppe ins nächste Krisengebiet beförderte. 

Ein bitterer Nachgeschmack durchdrang sein Gedankenecho. 

Als der Heli abdrehte und sich ins nächstgelegene Krankenhaus nach NeoBerlin aufmachte, guckte John ihm hinterher, bis er außer Sichtweite war. 

Im Begriff zu seinem Schäferhund zu schlendern, der brav ausharrte, blendete ihn, aus heiterem Himmel, eine Spiegelung im Augenwinkel. 

John machte zaghaft Halt und beschloss nachzusehen. 

In der Nähe der Fundstelle, im Sumpfgras versteckt, funkelte etwas. 

Neugierig ging er hin und hob es auf. 

Hmm … noch so ein Glücksfund. 

Es war ein ovaler Stein. Daumengroß. Gebunden an ein Lederband. Von Quellwasser geschliffen, mit einer Einkerbung, als wäre ein Teil abgeplatzt. Das durchscheinende Mineral schimmerte grau in einer extravaganten Tiefenstruktur mit türkis-blauen Farbverläufen und eingeschlossenen blutroten Sprenkeln. 

Wie Mücken verschmolzen in Bernstein. 

Er hielt seine lebhafte Tönung ins Licht, warf ihn hoch und fing ihn mit der Handfläche. 

„Das ist bestimmt dein Glücksbringer …“, murmelte John und umklammerte die Erkennungsmarke seines Bruders. 

John kniete sich gedankenverloren hin und bat: „IO, zeig mir Leon!“
 „Gerne John. Welchen Stream soll ich abspielen?“, fragte seine UT-lerin und öffnete das Hologramm-Menü, das in der Größe eines Blatt Papiers über dem Display aufleuchtete.
John scrollte sich durch Leons Videodateien, tippte eine an. 

Er seufzte laut. 

Seine Lebenseinstellung war immer der Zufall gewesen. 

Daran mochte er nie zweifeln. 

Nun zögerte er. 

„Leon … gibt es vielleicht doch so etwas wie … Schicksal?“